So ein dummes Missgeschick, wie konnte das nur passieren. Ich hatte meinen Teller beim Abräumen gegen den gläsernen Lampenschirm gehauen, ein Stück vom Rand brach ab, wo war ich mit meinen Gedanken?

Monatelang lasse ich die Lampe so, das gebrochene Glas klafft, das Licht ist etwas heller geworden, unverhüllter. Dann will ich es doch anders haben, schon länger habe ich mit dem Gedanken gespielt, stattdessen die alte Lampe aufzuhängen, die meine Eltern früher über unserem Esstisch hatten. Sie ist knallig orange, Seventies, ich mag Buntes und zögere doch. Aber einen Versuch ist es wert, sage ich mir: Solche Floskeln bringen mich immer mal wieder auf Trab, vielleicht weil ich sie in der Stimmlage meiner Mutter höre und mich dann darin aufgehoben fühle.

Auf dem Speicher finde ich den Karton sofort, er liegt obenauf, weil die Lampe zart und zerbrechlich ist. Ich wickele sie vorsichtig aus dem Zeitungspapier, mein Blick fällt auf die Schlagzeile: “Lehrling vermisst – nach tagelanger polizeilicher Suchaktion noch immer kein Hinweis“

»Spinner« Anja Sturmat

Kommt mir das nicht bekannt vor? Ich suche nach dem Datum: 19. Juli 1991. Beginne dann doch zu lesen, was von dem Bericht übrig ist, vom unteren Rand ist ein Stück abgerissen. Dabei weiß ich längst, dass er von Motte handelt, der eine Zeit lang mein Mitschüler auf dem Gymnasium gewesen war. Versuche, mich wieder auf die Lampe zu konzentrieren, will mich ablenken: Wie lange hatte sie wohl im Keller meiner Eltern gelegen? Ich rechne nach: Nachdem ich ausgezogen war, haben sie auf modern umgestaltet, dabei hatten wir Kinder mehrfach durchklingen lassen, dass die Seventies-Einrichtung viel lässiger gewesen sei. Irgendwann haben sie mir die Lampe dann angeboten. Ich betaste das zarte, orangene Glas, will mir nicht vorstellen, was passiert sein könnte, in den vielen Jahren gab es Gerüchte genug. Motte war einfach verschwunden, über Nacht, das konnte alles Mögliche bedeuten. Ich setze mich auf den Hocker neben den Kisten, nehme die Lampe auf den Schoß und denke an die erste Begegnung mit Motte. Mir war seine laute, bellende Stimme aufgefallen, Salven, die in den Pausen durchs Schulhaus tönten. Er ging in die Parallelklasse, am Projekttag hatten wir mal gemeinsam Dienst an der Kuchentheke. Das war stinklangweilig, weil die im Nebentrakt untergebracht war und nur ab und zu mal jemand zum Kuchenkaufen kam. Also redeten wir ein bisschen, Motte tat zuvorkommend, das fand ich affig, aber irgendwie rührend. Am Mittag kam ein Mädchen aus seiner Klasse. Sie trug ein Stirnband um den fast kahlen Kopf, es hieß, sie habe sich auf einer Urlaubsreise irgendeinen Virus eingefangen, den niemand kannte. Kein Arzt wusste, wie man den Haarausfall behandeln sollte. Manche sagten auch, sie habe bestimmt Krebs.

Motte hatte wohl Vertrauen zu mir gefasst, denn nachdem das Mädchen den Raum verlassen hatte, sagte er: „Die gehört doch vergast.“

Beinahe wäre ich rückwärts über einen Stuhl gestolpert: „Spinnst du?“, blaffte ich ihn an, „was redest du bloß für einen Scheißdreck!“

Das klang ziemlich lahm.

Motte zuckte mit den Schultern: „Sagt mein Vater immer zu Spastis.“

„Die können doch nichts dafür“, brüllte ich jetzt, und Motte lächelte mich mitleidig an. Ich wich noch weiter zurück, sonst hätte er mich wohl an der Schulter getätschelt.

Der Kopf unseres Geschichtslehrers erschien fragend in der Tür: „Alles in Ordnung?“

„Wir sitzen hier schon seit heute morgen“, murrte ich, „ich brauch’ mal ne Ablösung.“

Er musterte Motte, nickte mir zu: „Geh doch schon mal.“

„Ich erklär’s Ihnen“, sagte Motte freundlich, und zu mir gewandt: „Sorry, war echt nicht so gemeint. Ich sag’s nie wieder.“

Ich drehte mich um, damit er das Lächeln nicht sah, dass sich wider meinen Willen in mein Gesicht mogelte. Seit diesem Vormittag ging ich Motte aus dem Weg. Wenn ich ihm dennoch unerwartet im Schulhaus begegnete, nickte er mir freundlich zu, auch wenn ich mich gleich wieder wegdrehte. Es kam mir vor, als wäre sein Gesichtsausdruck verschwörerisch, und ich war umso wütender, auf ihn, auf mich.

Ein paar Monate später sollten alle elften Klassen in die damals noch existierende DDR fahren. Motte war eine Zeitlang irgendwie weg gewesen, vielleicht hatte ich ihn aber nur nicht wahrgenommen. Ich bekam einen Schreck, als ich in den Bus stieg und ihn drin sitzen sah, aber er schien mich gar nicht wahrzunehmen, war in eine Blödelei mit anderen Jungs vertieft. Sie saßen vorne, und ich ging nach hinten, setzte mich in die Reihe vor Klara, der nun wieder ein zarter Flaum wuchs, was ihr gut stand. Sie war auch richtig schlagfertig geworden: Machte jemand eine dumme Bemerkung über ihren Kopf, gab sie mit fester Stimme zurück: „Na, schau dich mal an, was fehlt dir denn?“

Wir freuten uns mittelmäßig auf diese Fahrt, aber keinen Unterricht zu haben war schon mal nicht schlecht. Im Vorfeld hatten wir unser Begleitpersonal fast zur Verzweiflung gebracht mit Fragen, was es denn alles nicht zu kaufen gäbe. Dies werde keine Exkursion in die Wüste, tadelte uns Turbo-Schulze, der so genannt wurde, weil er, klein und schmächtig wie er war, seine Aktentasche als Schwungkörper zur Hilfe nahm, um die Treppen des Schulhauses hinaufzuspringen, in den Pausen sahen wir ihm fasziniert dabei zu. Und die Bohnen-Stöckel, unsere Sportlehrerin, sie hieß eigentlich anders, aber das interessierte niemanden. Wir waren uns einig: Die DDR wird ziemlich öde, Bildungsprogramm halt. Von früh bis spät Volkseigene Betriebe besuchen, Gespräche über Sozialismus und abends in miefigen Jugendherbergen hängen, weil man sonst nirgends hin konnte.

Aber es kam anders. Am dritten Abend, nachdem wir historische Altstädte und Kirchen besichtigt hatten, kamen wir gerne in das Wasserschloss zurück, das unsere Jugendherberge war. Wir Mädchen hatten ein Turmzimmer mit rundherum Fenstern, und in den Zwischengeschossen hockten wir uns auf die breiten Fenstersimse, drehten unsere Köpfe und starrten dabei die steinerne Wendeltreppe hinunter, bis uns schwindelig wurde. Für diesen Abend hatte jemand ein Konzert organisiert, Bands aus den benachbarten Dörfern spielten für uns, wir hockten uns unter die mächtigen Linden und tranken DDR-Limo, die unsere Herbergseltern besorgt hatten. Die schmeckte süß und irgendwie nach Metall. Jemand tippte mir auf die Schulter, es war Motte, der sich neben mich ins Gras fallen ließ. Seine Bewegungen wirkten schwerfällig, fahrig, das fiel mir gleich auf, obwohl es schon dämmrig war und die paar Lampions in den Bäumen einen gerade mal Umrisse erkennen ließen.

Er sagte: „Ich glaub den Scheiß von meinem Vater nicht mehr. Ist vorbei.“ Sein Atem roch nach Alkohol, er hielt mir eine Flasche Wodka hin: „Willste auch mal?“

„Nee, danke, ist schon gut.“

Und plötzlich meinte er, dass er nie so werden wolle wie sein Vater. Wenn der den Raum betrete, würden alle den Kopf einziehen oder das Weite suchen. Es war ein gutes Gespräch, und ich wusste nicht, ob ich mich dafür schämen sollte, ihn jetzt doch irgendwie zu mögen.

Als er zum x-ten Mal die Flasche ansetzte, griff ich aus einem unbestimmten Gefühl heraus nach ihr, hielt sie fest und sagte: „Ey, Motte, du musst jetzt schlafen gehen!“ Er sah mich mit großen Augen an, wie ein Dreijähriger, und nickte zustimmend, dabei hatte ich das eigentlich nur als Scherz gemeint. Doch andererseits, ich sah mich um, sie durften ihn ja auf keinen Fall erwischen!

„Gib mir die Flasche. Ich bring sie dir später wieder, okay?“

Motte nickte. Er kam kaum hoch. Schwankte. Ich schaffte es, ihn im Schatten der Bäume zum Eingang zu bugsieren, am Treppenabsatz gaben seine Beine nach, ich schob seinen Kopf auf die Arme, die ausgestreckt auf den Stufen lagen: „Warte“, flüsterte ich, „bin gleich wieder da.“

Motte grunzte nur. Ich streifte möglichst unauffällig durchs Gelände, fand schließlich Sven und Jörg, mit denen Motte das Zimmer teilte. Gemeinsam schleppten wir ihn die Stufen hinauf. Sven und Jörg stellten ihn unter die kalte Dusche, Motte kotzte das Badezimmer voll.

Irgendwie hatte Turbo-Schulze Wind von der Sache bekommen und aufgebracht bei den Jungs an der Zimmertür geklopft: „Wo ist Motte?“

„Der schläft“, gab Jörg Auskunft, „der hatte seinen Moralischen. Wir haben ihn beruhigt“, und wies auf den friedlich schnarchenden Motte in seinem Bett, die Sauerei war schon weggeputzt. (…)